Lektionen von einem 10-tägigen Meditationskurs

Im Februar habe ich an einem 10-tätigen Vipassana Meditationskurs teilgenommen. 10 Tage ohne Unterhaltung, ohne Kommunikation und 10 Stunden Meditation pro Tag. Wie man sich vorstellen kann, war diese Erfahrung geprägt durch eine intensive Konfrontation mit mir selbst. Auch wenn es manchmal hart war und ich mehr als einmal lieber aufgegeben hätte war es eine wertvolle Erfahrung, die ich nicht mehr missen will. Ein paar der dort gelernten Lektionen möchte ich gerne in diesem Artikel teilen.

Zunächst kurz etwas zu dem Kurs und warum ich mich dafür entschieden habe: Vor ungefähr 2 Jahren habe ich Meditation und ihre Vorteile für mich entdeckt. Seitdem ist sie ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens und hat zu ein paar grundlegenden Veränderungen in meiner Sicht auf die Welt und mich selbst geführt. Der Kurs sollte einen nächsten Schritt darstellen für mein persönliches Verständnis von Meditation sein und mir helfen, noch mehr über meine inneren Wirkungsweisen zu lernen. 100 Stunden Meditation in 10 Tagen, Aufstehen um 4 Uhr morgens, 2 Mahlzeiten am Tag, keine Unterhaltung oder Kommunikation und jeden Tag der gleiche Zeitplan – der Kontrast zu meinem üblichen Lebensstil hätte kaum größer sein können. Ich wollte herausfinden, was solch eine Erfahrung mit mir macht, was ich lernen würde, ob ich mich anpassen und damit umgehen könnte. Wie so oft zahlte sich meine Neugier aus, denn die Zeit in dem Kurs stellte sich als sehr lehrreich und bereichernd heraus. Viele der Veränderungen stellten sich im Nachhinein eher unterschwellig ein. Sie fanden primär im Unterbewusstsein statt und ich kann sie daher schwer erfassen und beschreiben. Ein paar von ihnen waren jedoch sehr konkret, sodass sie bereits reflektieren konnte und nun gerne davon berichten möchte.

Physischer Schmerz und mentales Leiden sind nicht dasselbe

Dies ist tatsächlich eine der Hauptlektionen, die der Kurs versucht zu vermitteln. 10 Stunden am Tag mit geradem Rücken stillsitzen führt unweigerlich zu physischen Schmerzen. Gleichzeitig wurden wir angeleitet, soweit erträglich, einfach sitzen zu bleiben und jede körperliche Empfindung mit Gleichmut zu betrachten. Das mag auf den ersten Blick nach Selbstgeißelung klingen, tatsächlich aber kann man es als Chance betrachten, seine Wahrnehmung von physischen Schmerzen zu hinterfragen und reflektieren. Mit der Zeit konnte ich sie immer besser einfach akzeptieren und mich der Erfahrung hingeben, was den Schmerzen langsam aber sicher einen Großteil ihrer Macht über mich entzog. Der Schmerz war zwar noch da, allerdings hörte ich nach einer Weile der Beobachtung auf, auf ihn mit mentalem Leiden zu reagieren. Manchmal verwandelte er sich dann in ein Gefühl der Hitze oder löste sich einfach in wohliges Kribbeln auf. Auf welche Weise auch immer, am Ende ging er immer vorbei.
Wie mir diese Erfahrung im Alltag hilft? Trotz unseres Wir versuchen es in unserer modernen Gesellschaft zwar, aber es wird nie möglich sein, physische Schmerzen im Leben völlig zu vermeiden. Sie sind ein fester Bestandteil unserer Realität mit dem wir irgendwie umgehen müssen. Ich kann nun aus Erfahrung für mich sagen, dass eine aktive Auseinandersetzung mit Scherzen sich positiver auf meine Lebensqualität auswirkt als der ständige und zwanghafte Versuch sie zu vermeiden.

All die Erinnerungen sind immer noch da

Manchmal fühlte sich mein Kopf an wie eine Jukebox. Songs, die ich Verlauf meines ganzen Lebens irgendwann mal gehört hatte feierten während der 10 Tage ihr Comeback. Von einem Lied aus dem Englisch-Unterricht in der 3. Klasse bis zu dem neu-entdeckten Technotrack war alles dabei und kam gefühlt komplett zufällig. Manchmal liefen sie für Stunden auf Dauerschleife, manchmal blieben sie nur ein paar Minuten. Aber es waren nicht nur Lieder. Die unterschiedlichsten Erinnerungen, teilweise längst vergessen geglaubte, kamen an die Oberfläche zurück – glückliche sowie traurige. Man könnte also sagen, die 10 Tage waren auch eine Reise in meine Vergangenheit, die mich mit Teilen davon konfrontierte mit denen ich dachte bereits abgeschlossen zu haben. Ablenken war jedoch nicht möglich und so blieb mir nichts anderes übrig als dort zu sitzen, versuchen zu meditieren und damit umzugehen. Diese Erfahrung stellte sich als sehr therapeutisch heraus und zeigte mir eindrücklich, wie selten ich mir sonst die Zeit nehme um aufkommenden Erinnerungen Raum zu geben und die dabei mitschwingenden Gefühle zu beobachten. Nach jeder dieser „Reisen“ fühlte ich mich leichter, als wäre eine Last von meinen Schultern verschwunden die so latent war, dass ich sie gar nicht mehr wahrgenommen hatte.
Wir tragen unsere Vergangenheit immer mit uns. Entscheidungen, schwere Zeiten, schöne Momente – sie alle bilden in ihrer Summe unsere Ansichten, unsere Präferenzen und Abneigungen. Mir meiner Erinnerungen bewusst zu sein bedeutet nach dem Kurs für mich, mir meines Charakters bewusster zu sein – mit seinen guten und schlechten Seiten.

Reizüberflutung ist Normalität

Die eben beschriebenen Erinnerungen konnten wieder hochkommen, da sie den Raum dazu hatten. Dieser ist im Alltag oft von einem konstanten Strom von Eindrücken und Informationen eingenommen. Während des Kurses stoppte der Strom jedoch, wodurch mir sein Ausmaß und Einfluss auf mich erst bewusstwurden. Auf dem Rückweg hatte ich ein paar Stunden Aufenthalt in einer kleineren Stadt und selbst dort war der Strom wieder da: Werbung überall, Verkehr, Menschen in Eile, blinkende Schaufenster – wenig Raum für Ruhe und Entspannung. Natürlich war diese spezielle Erfahrung sehr voreingenommen, da ich nach der Zeit minimaler Stimulation eher sensibel war. Dennoch haben mir diese Extreme eindrucksvoll gezeigt, wie normal es geworden ist sich einem ständigen von Reizen auszusetzen.
Momenten der Ruhe und Entspannung wohnt ein unschätzbarer Wert inne. Ohne sie rennen wir ohne Pause geradeaus ohne zu stoppen und zu schauen, wo unser Weg uns hinführt und ob wir überhaupt dort hinwollen. Meine persönliche Schlussfolgerung aus dieser Erfahrung ist, mir im Alltag öfter besagten Raum zu geben und mir den Stimulationen bewusster zu sein, denen ich mich aussetze. Natürlich denke ich nicht immer daran und falle oft in alte Muster zurück, jedoch wird es langsam besser und besser.

Ich bin anpassungsfähiger als ich dachte

Obwohl ich jeden Morgen den Aufweck-Gong verflucht habe und mit dem frühen Aufstehen kämpfen musste fand ich es erstaunlich, wie geschmeidig ich mich an die neue, ungewohnte Situation anpassen konnte. Der strikte Zeitplan, kein Handy, die letzte Mahlzeit um 11 – alles kein Problem. Nicht entscheiden zu müssen was ich tue fühlte sich eher erleichternd an. Mein Handy habe ich kein Stück vermisst und wurde abends nicht von Hunger geplagt. Sogar die „edle Stille“ (elegante Bezeichnung des Kommunikationsverbots) fühlte sich nach ein paar Tagen bereits recht gewohnt an. Diese Erfahrung hat mir wieder einmal gezeigt, wie flexibel meine Komfortzone sein kann und wie schnell wir Menschen uns an neue Situationen und Umgebungen anpassen können. Vor dem Kurs hatte ich zugegeben etwas Angst und habe an meiner Fähigkeit gezweifelt, mit einer solch extremen Erfahrung umzugehen. Glücklicherweise habe ich mich davon nicht abschrecken lassen und durfte feststellen, dass ich zu mehr fähig bin als ich dachte. Seitdem fühle ich mich sehr in der Sicherheit bestärkt, die richtigen Entscheidungen zu treffen und auf meine Fähigkeiten zu vertrauen. Ob Abenteuerreise, ein neuer Job oder der Meditationskurs – etwas neues und ungewohntes zu probieren kann abschreckend wirken, hat mir aber bisher immer gut getan und zu meinem persönlichen Wachstum beigetragen.

Ich bin mir sicher, dass ich von dem Kurs mein Leben lang profitieren werde und ich kann mir gut vorstellen die Erfahrung auf ähnliche Weise zu wiederholen. Wenn dich dieser Artikel neugierig gemacht hat und du auch darüber nachdenkst, an einem solchen Kurs teilzunehmen kann ich dir die Organisation dhamma.org sehr ans Herz legen. Warum?

  • Die Kurse sind komplett kostenlos, sogar Unterkunft und Verpflegung
  • Der Verein und die Kurse funktionieren ausschließlich durch ehrenamtliche Arbeit und die Spenden ehemaliger Teilnehmer
  • Die Technik und Philosophie sind explizit nicht religiös oder ideologisch (hier eine Einführung)
  • Die Lektionen sind rein praktischer Natur und es wird kein blinder Glaube von einem verlangt
  • Der Gründer ist ein süßer, alter Knuddelbär (abends gibt es Videos mit Reden von ihm zu sehen)

Die Nachfrage ist groß, also musst du dich ein paar Monate vorher anmelden. Sollten die 10 Tage und der strenge Zeitplan zu heftig klingen, gibt es zahllose alternative Angebote. Mit etwas Recherche findest du sicher den richtigen Kurs für dich.
Wie auch immer – danke, danke, danke dass du den ganzen Artikel gelesen hast! Ich hoffe du konntest etwas Inspiration gewinnen oder wurdest zumindest gut unterhalten. Schreibe mir gerne deine Fragen und Anmerkungen in die Kommentare oder kontaktiere mich direkt. Ich freue mich sehr über jedes Feedback!

Author: Malte

Master of curiosity.

  

2 thoughts on “Lektionen von einem 10-tägigen Meditationskurs”

  1. Hallo Malte! Sehr sehr interessanter Artikel! Ich Koennte es mir in diesem Ausmaß zwar gar nicht vorstellen (allein schon wegen meiner Rueckenschmerzen) aber schön, dass es fuer dich funktioniert hat. Dass man sich selbst durch die konstante Reizueberflutung keinen Raum zum Reflektieren gibt, ist mir auch schon in kuerzeren Meditations Sessions aufgefallen!

    1. Hey Ben! Danke für deinen Kommentar 🙂 Es freut mich sehr über diesen Weg von dir zu hören und natürlich auch, dass dir der Artikel gefallen hat.
      Das Sitzen war schon echt hart, aber am Ende ging auch das irgendwie. Leute mit Rückenproblemen konnten sich auch einen Stuhl nehmen, ganz so gnadenlos war es also nicht ;D
      Liebe Grüße nach Graz und bis hoffentlich bald mal!

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